Noch mehr

Home / Noch mehr

Classic Endurance 4 Std.
Oschersleben 2012

 

 

Classic Endurance 2012 in Oschersleben & Wiener Schnitzel..


Servus zusammen!

Hier wie versprochen der Bericht über die 2012er Classic Endurance mit Art Motor in Oschersleben. Nachdem der Termin sich dieses Jahr nicht wie 2011 mit einem Grab The Flag Event überschnitten hat, und zudem supergut mit dem Donnerstag als Feiertag (sprich Anreisetag) am 18. und 19. Mai stattfinden sollte, war der Andrang entsprechend groß. 29 Teams waren in 4 verschiedenen Klassen gemeldet und die GTF-Fraktion rückte mit insgesamt 7 Teams an, vertreten in allen 4 Klassen.

Die Protagonisten:

In der ClassiX – bis 750cc – waren 2 von den 3 Teams von GTF..als da wären:
Martin auf BMW R75/6 (genannt die Wasserleiche) zusammen mit Reinhard, dem am Pannoniaring vor 2 Wochen ein Ventil seiner Norton Atlas in den Motor gefallen war und deshalb auf einer wunderschönen, leider aber absolut serienmässigen Guzzi V7 Sport antrat Und die 750er Triumph Twins Winkelmann von Udo und Frank, wobei Frank rundum trommelgebremst unterwegs ist
In der ClassiX Open, auch bis 750cc, trat 1 von den nur 2 gemeldeten Teams an, nämlich Holger auf seiner Guzzi 750s (genannt Sardinella ) und Paul auf seiner superschnellen Yamaha SR 500

In der Big ClassiX, über 750cc waren 12 Teams gemeldet wo
Thomas und Helmut (DER WÜDO-Helmut..früher Langstrecken-WM gefahren!) als One-Bike Team auf BMW R100s angetreten, die nach international gültigen Langstreckenreglements aufgebaut war Und yours truly mitsamt Schorsch (hier als Schorsch4 dann & wann unterwegs), er auf seiner 1010er R90s, und ich wie üblich mit meinem 1070er Würschtelkocher Und last but not least waren in der Big ClassiX Open auch 12 Teams gemeldet, darunter
Guido und Rolf als Swiss Biker Team auf Yamaha TR1 und Rickmann Honda mit 920cc
Klaus auf seiner 1260er Großwild-Kawa Z1000 und Armin auf TR1

Das Drumherum:

Mit allen Fahrern und der ganzen Boxencrew, den Teammanagern, Fans, Groupies etc. waren wir dann am Ende 28 Leute in der Box, mit 16 Motorrädern..immer wieder schön eine gutgefüllte Box zu sehen! Donnerstag wurde selbige bezogen und die Motorräder verteilt, der Zeitenmonitor angebracht, die Küche eingerichtet und der historisch korrekte Bosch Kühlschrank angeschlossen.

Wie immer bisher war ja auch unser Chefkoch Tom Kombüs   mit von der Partie und hatte für die Rundum-Vollverpflegung folgendes Menü zusammengestellt:

Donnerstag Abend: Fusili Siciliana - Nudeln mit Mandeln, Thymian und Chilli
Freitag: Frühstück, Mittags Brotzeit
Freitag Abend: Thailändische Gurkensuppe, als Hauptgang Gäng Ped Drei Mitt – Drei Freunde Curry mit Rind, Schwein und Huhn mit thailändischem Duftreis, Gegrillte Bananen.
Samstag: Frühstück mit Tee oder Kaffee Mittags Brotzeit
Samstag Galaabend: Bruschetti mit Tomaten, Rinderhochrippe vom Grill mit Jack Daniel´s Woodchips geräuchert, dazu Erdnußsauce und Rosmarinkartoffeln, dann Kuchen.
Sonntag: Frühstück mit Tee oder Kaffee
Und dabei wie immer selbstgebackenes Brot und Kuchen.

Dazu muss man anmerken dass alles, aber auch alles, auf der Rennstrecke frisch gekocht, gebraten, geschmort, gedünstet und gebacken wird.. in 2 grossen Kugelgrills..einfach sensationell!! Danke nochmals Tom..
Einen Teil des Abends verbrachte ich dann damit beide Reifen an meiner Kiste zu wechseln, die dämlichen Kommentare über meine angeblich mangelhafte Vorbereitung überhörte ich großzügig und erfreute mich der Hilfe der anderen. Sonst hätte ich den Mist alleine zu Hause machen müssen..ich denke dass meine „Vorbereitung“ gar nicht so verkehrt war :cool:.

Bei der abendlichen Fahrerbesprechung wurde dann der Zeitplan irgendwie über den Haufen geworfen und uns mitgeteilt, dass die technische Abnahme erst am Freitag, nach den freien Trainings und dem Qualifying, stattfinden würde..sehr merkwürdig ! Insgesamt war auch die Fahrzeit schon extrem begrenzt, nur zwei 20-minütige freie Trainings, und ein 30-minütiges Qualifying, dass man sich auch noch mit seinem Teampartner teilen musste! Das sollte dann so aussehen dass einer rausfährt, sich 2-3 Runden einfährt und die Reifen auf Temperatur bringt, dann versucht genau 2 schnelle Runden in die Piste zu brennen und dann in die Box zurückkommt um seinem Partner den Transponder zu übergeben. Der dann mehr oder weniger genauso viel Zeit hat. Ganz ehrlich, das ist Blödsinn..einmal Gelb, oder im Verkehr mit Langsamen steckengeblieben und schon hat man verk*ckt. Es zwar geht um Langstrecke und da ist der Startplatz eher zweitrangig, trotzdem ist das geht das so nicht..damit werden die Fahrer praktisch aufgefordert übermässige Risiken einzugehen um ja mindestens in einer von 2 möglichen Runden eine gute Zeit herauszukloppen!


Die Trainings:

Rumrollen & Landschaft gucken könnte man diesen Teil nennen..nachdem ich ja mit neuen Schuhen unterwegs war hat das erste freie Training für mich eh nicht wirklich eine grosse Rolle gespielt, es galt die Reifen einzufahren. Am Ende reichte es gerade mal für eine 1.55..meine Bestzeit aus dem Rennen 2010 lag bei 1.50,1. Ich hatte seit Rijeka meine Gabel mit HH Racetech Dämpfereinsätzen verbessert, um das fürchterliche Rattern am Vorderrad endlich in den Griff zu bekommen. So richtig erfolgsgekrönt war das nun nicht, aber immerhin fahrbar. Meine Pläne, bei diesem Event unter die 1.50 zu kommen, habe ich daraufhin erstmal still & heimlich begraben. Schorsch dagegen trödelte mit einer 1.59 um den Kurs  , aber der musste auch schon um 9:30 ran während ich erst um 11:20 dran war.

Derweil machte Sardinella ihrem Namen alle Ehre (s.o.)..schon am Pannoniaring bewies Holgi Nerven und hatte den rechten Zylinder 3x runterbauen müssen, den linken zweimal, weil die Guzzi hartnäckig die Dichtungsaufgabe der Fussdichtungen ignorierte und munter Öl über die ganze Maschine samt Hinterrad verteilte. Das führte dazu dass er am Pan praktisch kaum fahren konnte..er musste ja schrauben. Trotzdem tauchte er nach weiteren häuslichen Schrauberaktionen optimistisch gestimmt in OSL auf..nur um gleich im ersten Training festzustellen dass Sardinella eben Sardinella blieb und es diesmal wieder aus der linken Seite sprudelte  . Also alles von vorn, Kopf & Zylinder runter..zum Glück hat man ja Dichtungspapier dabei, Bremsenreiniger in industriellen Mengen, eine Schere und jede Menge Übung  . Ich für meinen Teil hätte die Karre schon längst mit einem mittelschweren Vorschlaghammer bearbeitet..

Zurück zu eigentlichen Geschehen - das 2. freie Training brachte eine 1.52,9 hervor, und Schorsch kam auch so langsam in Schwung und eine 1.54,2 guckte raus, während ganz vorne die Jungs schon mit 1.45er Zeiten unterwegs waren. Ansonsten war alles eher dezent, weder gab es irgendwelche katastrophalen Stürze, auch spektakuläre Motorplatzer waren Mangelware. Aber – Wunder über Wunder – Sardinella hatte aufgehört mit Öl um sich zu schmeissen! Ich hatte ja zunächst den Verdacht dass das Öl ja auch irgendwann aus sein musste und deshalb nix mehr rauslief, aber ich wurde eines Besseren belehrt. Hartnäckigkeit wird halt doch irgendwann belohnt, und Holgi konnte sich den schon angedachten Ritt auf der SR von Paul schenken.

Das Qualifying:

Wie gesagt, aufteilen war angesagt, wenigstens konnte man unter realen Bedingungen die Boxenstops und den Transponderwechsel üben. Always look on the bright side of life..nachdem Schorsch Fahrer 1 war durfte er als erstes raus während ich auf meinem Moped in der Boxengasse auf ihn wartete. Blöderweise kann Schorsch offensichtlich weder eine Uhr lesen, noch die Boxensignale mit dem Lollipop erkennen und bleibt munter 2 Runden länger draussen als geplant..na bravo  ! Er fährt insgesamt 8 Runden und schafft als Bestzeit eine 1.54,3..nicht wirklich prickelnd. Jedenfalls kommt er dann doch irgendwann in die Box, der Transponderwechsel klappt so-lala – unser neuer Teammanager Manfred macht das ja zum ersten Mal, gut dass wir üben können - und ich brate auf die Strecke. Zum Glück erwische ich ein gutes Fenster mit kaum Verkehr und nach der ersten Runde beschliesse ich dass die Reifen warm sind und haue ein bisschen drauf..nach 4 mehr oder weniger guten Runden ist dann auch schon Schluss und die Uhr zeigt eine 1.52,0. Wahrlich nicht wert eine Postkarte nach Hause zu schicken, und wir müssen und mit Startplatz 18 zufrieden geben. Meinen „unter-eins-fuffzich-Plan“ begrabe ich noch ein Paar Etagen tiefer. Direkt vor uns hat Paul seiner 500er SR auf 17 gestellt, mit einer 1.50,5..Respekt! Unsere Schweizer Jungs stehen dank Guido auf Platz 3 mit 1.45 irgendwas, Klaus hat seinen Panzer auf 4 auch mit einer 1.45 gestellt während ganz vorne Frankie H (früher in der IDM, hier als Mietfahrer dabei..) eine 1.39 hingeknallt hat..der Rest von uns verteilt sich auf die hinteren Ränge und beschliesst das Feld dann im Rennen von hinten aufzurollen. Jaja..hätte ich auch behauptet. Hab ich dann auch..*hüstel*

Warm-Up..lauwarm reicht, danke!

Das war eigentlich noch krasser als das Qualifying, weil man sich hier nicht 30 Minuten, sondern nur noch 25 Minuten zu zweit teilen musste..ich erspare mir jetzt eine Bewertung. Alles rollt auch nur irgendwie lustlos rum, aber wenigstens klappt bei uns die Aufteilung der Runden deutlich besser, und auch der Transponderwechsel klappt reibungslos. Mit einer albernen 1.54,0 beschliesse ich das warm-up auf Platz 5, aber aussagekräftig ist das mitnichten. Wenigstens haben wir damit nicht rumgeprahlt, ein bisschen Stolz haben wir ja auch

Wie üblich bin ich der Startfahrer, der ja bekanntermassen im Le-Mans-Stil stattfindet, Moped auf der anderen Streckenseite und warten bis der Rennleiter mit der Fahne wedelt, dann rüberhecheln. Dafür muss ich mich aber natürlich um ca 12 Meter von meinem Motorrad entfernen, kann also nicht meine Abreissschnur für die Zündung an meiner Kombi anbringen und leihe mir einen schnurlosen Stöpsel von Holgi. Den ersten turn also fahre ich ohne diese Sicherung und nehme mir wie immer vor, es langsam angehen zu lassen.

Jetzt bleiben nur noch 30 Minuten bis zum Vorstart und irgendwie bin ich überhaupt nicht nervös..die üblichen Vorbereitungen auf das Rennen nehmen mich voll in Anspruch. Der „unter-eins-fuffzich-Plan“ ist sicher verbuddelt, also kein Stress. Tank entleeren, die ausgeheckte Rennstrategie nochmal durchgehen und die notwendige Benzinmenge bestimmen, Batterie laden, Wasserstand kontrollieren, Luftdruck checken etc. Die "Strategie" sah übrigens so aus:

Jeder fährt 25 Minuten im ersten Turn, dann 35 Minuten im zweiten, dann wieder jeweils einmal 25 und 35 Minuten. Eigentlich. Also theoretisch. Nach dieser Theorie muss ich also 9 Liter Sprit nehmen, 2 Einführungsrunden und etwas Reserve mit eingerechnet..falls mal doch eine Safetycar-Phase stattfinden sollte. Mit dieser Aufteilung wollten wir eventuellem Verkehr in der Box bei den Wechseln aus dem Weg gehen.

Irgend ein schlauer Mensch hat mal gesagt dass der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert ist…und, ganz unter uns – wir hatten jede Menge guter Absichten. Ehrlich! Ein anderer schlauer Spruch behauptet dass Mr. Murphy nie schläft..auch das sollte sich kurze Zeit später als unumstössliche Wahrheit erweisen..

Ende Teil 1..hoffe dass ich Teil 2 morgen fertig bekomme. Dann bekommt auch der merkwürdige Titel seinen Sinn..

Grüsse,

Daniel


Der Start:

Alles rollt aus der Boxengasse und entert die Strecke für 2 Einführungsrunden. Zwischendrin kurz feste Beschleunigen, dann kräftig abbremsen (mit ausreichend Abstand zum Hintermann und neben der Linie), das bringt die Reifen schneller auf Temperatur als die Kiste ewig in Schlangenlinien herumzuwuchten..das kostet eh nur wertvolle Kraft, jedenfalls bei der hüftsteifen BMW.

Startplatz 18 ist dann auch schnell ausgemacht und Manfred nimmt den Kocher in Empfang. Ich schaue mich kurz um und denke „na toll, mehr Leute vor mir als hinter mir, das ist mir eigentlich noch nie passiert“. Dann laufe ich auf die andere Streckenseite und verscheuche einen anderen Fahrer von meinem Startplatz..der will wohl mit meiner Maschine fahren!

Um 10:13 fällt dann die Flagge und ich renne los, schwinge mich auf den Sattel und rausche los..ich komme kurz ins Gehege mit Paul auf der SR gerade vor mir und muss kurz zumachen, noch einen oder zwei Schlenker um Losgefahrene aber nicht Weitergefahrene und schon ist die Gerade zu Ende und die erste Links vor der Hotelkurve wird angebremst. Hier ist nach dem eigentlichen Start die zweite kritische Stelle..die Hintermänner verpassen oft den Bremspunkt weil man vor lauter Motorrädern gar keine üblichen Anhaltspunkte mehr sieht!

Aber alles geht gut, ich knalle niemandem drauf, und mir keiner rein. Auf der kurzen Geraden nach der Hotelkurve schnappe ich mir Paul dank der Leistung..zack, einen kassiert – geht doch! In den ersten zwei Runden finde ich gleich einen richtig guten Rhythmus und gehe an noch 2 oder 3 Konkurrenten vorbei, bis sich die erste Lücke nach vorne auftut. Also freie Bahn, mein Lieblingszustand..ich bin ein wahnsinnig schlechter Hinterherfahrer, auf der Strecke wie auf der Strasse. Auf der Piste ist's eigentlich noch schlimmer, die Brems-und Beschleunigungspunkte werden verdeckt, die Linie vom Vordermann irritiert, der Krach von seinem Auspuff – soweit vorhanden – sowieso, usw. Meine schnellsten Zeiten fahre ich immer wenn ich mindestens 50 oder mehr Meter Abstand zum Vordermann habe, oder sogar niemanden.

Ich bin richtig gut drauf, voll konzentriert, feile an meiner Linie um möglichst wenig Rattern am Vorderrad zu erzeugen und stelle fest dass ich an mehreren Stellen deutlich früher als im Training hochschalten muss..ein untrügliches Zeichen für gute Runden, jedenfalls für diejenigen unter uns die keinen Laptimer mit sich führen..und das geht dann Runde um Runde so.

Turn 1 – die Panade:

In einiger Entfernung fahren also eine Duc und irgendwas Vierzylindriges..und Stück für Stück hole ich auf, komme nach ein Paar Runden bis auf ca 20 Meter heran und überlege mir schon wo ich die Duc kassieren könnte..die ihrerseits den Japaner bedrängt. Und auf einmal ist die Duc vorbei und fängt sofort an wegzuziehen..jetzt heissts dranbleiben und eventuell den Überraschungsmoment beim Japaner möglichst schnell zu nutzen. Viele Fahrer verlieren, nachdem sie meist überraschenderweise überholt worden sind, ihren Rhythmus für bis zu einer Runde und sind dann dankbare Opfer..also Attacke.
 
Blöd nur dass jetzt schon irgendwie Überrundungen anzustehen scheinen..wie geht denn das?? Nach 8 oder 9 Runden schon eine Runde hinten, oder schon einen Wechsel absolviert? Jedenfalls habe ich etwas Pech und bleibe etwas hinter der..ich sag mal, gewöhnungsbedürftig lackierten TR1 hängen (die war Brombeerfarben..eigentlich müsste sowas verboten werden  !), und das ausgerechnet vor der Schikane. Da ist mal nix mit überholen, muss also etwas Tempo rausnehmen, und auf der anschliessenden Gegengeraden hat die TR1 einfach mehr Qualm als ich..aber beim Anbremsen der Shell S komme ich ran, nehme richtig Schwung aus dem S mit und gehe aussen an der TR1 vorbei..Mist, bestimmt 20 Meter auf den 4er verloren.

Die vorletzte Rechts vor Start Ziel muss ich aber durch das Überholmanöver etwas weiter innen anfahren, bin etwas spät auf der Bremse, ganz schräg drin, und dann kommt noch das gefürchtete Rattern am Vorderrad dazu..und dann wird’s auf einmal ziemlich still.

Sehr still.

Ich stürze.

Scheisse.

Scheisse.

Und nochmal Sch..

Paniert.

Wie ein Schnitzel.

Wie genau ich einmal quer über die Strecke..rutsche? Kugel? Fliege? weiss ich natürlich nicht..das geht so wahnsinnig schnell dass man das gar nicht nachvollziehen kann. Ich bin überzeugt dass ich mich mehrmals überschlagen habe..jedenfalls komme ich ziemlich in der Mitte vom Kiesbett, ca 30 - 40 Meter vor der Boxeneinfahrt, zum stehen. Oder besser gesagt, liegen.

Sch..siehe oben. Ich setze mich auf und blicke mich um..WO IST MEINE KARRE?? Dann entdecke ich sie, sie liegt schräg links hinter mir (ich schaue in die Richtung aus der ich..ähm..gekommen war) auf der linken Seite (  Ich bin doch in einer Rechtskurve gestürzt? Komisch, was für Gedanken in so einem Moment einem durch den Kopf gehen), fast in der Boxeneinfahrt. Ich stehe auf, laufe hin und ziehe sofort den Transponder ab, der muss ja schnellstmöglichst in die Box. Ich bemerke erleichtert dass der Motor aus ist (keine Abreissschnur..jaja, soviel zum Thema den ersten turn vorsichtig zu absolvieren. Wie war das mit den guten Absichten? Hmm?), den ziemlich verschrammelten Tank, die gebrochene Sitzbank..das ist jetzt erstmal egal, der Transponder MUSS SOFORT an die Box.

Ich überlege noch kurz ob ich hinlaufe oder ob ich schneller mit dem Besenwagen bin, da steh dann auch schon der Streckenposten neben mir und fragt mich ob ich ok bin.

Natürlich NICHT du HASEHIRN, die BMW ist IM EIMER, SIEHST DU DAS NICHT??

Dank meiner guten Kinderstube reisse ich mich aber zusammen und sage ihm dass ich ok bin, und dass er mir doch helfen soll die Maschine in Richtung der Boxeneinfahrt schieben soll.

Geht nicht, sagt er.

Ich: Wie bitte  ??

Er: Nee, du musst aus dem Sturzraum raus, in die andere Richtung.

Ich schaue kurz in die angegebene, genau entgegengesetzte Richtung in die ich eigentlich will, und sehe ca 100 Meter Kiesbett vor mir. OK, ich habe es wirklich offiziell mit einem Hasehirn zu tun..hat der noch nie ne Karre durch 100 Meter Kiesbett geschoben??? Da bleiben wir doch nach spätestens 20 Metern unrettbar stecken.. 

Natürlich hat er prinzipiell recht, nur habe ich einfach weder den Nerv noch die Zeit um mir das jetzt auch noch anzutun. Jedenfalls heben wir die BMW auf..und langsam realisiere ich dass der Sturz extrem glimpflich – für das Tempo an der Stelle – ausgegangen ist!

In dem Eck hat man irgendwo zwischen 130 und 140 km/h drauf, und jeder der schonmal mit ner BMW ohne Sturzbügel gestürzt und über Asphalt gerutscht ist weiss einfach dass dann automatisch ein Loch in einem Ventildeckel entsteht. Naturgesetz!

Hier nicht??

Der rechte Ventildeckel ist ordentlich mitgenommen, hat aber kein Loch!

Der rechte Lenkerstummel ist auch noch dran! Und der Bremshebel auch.

Hmm.

Ich steige wieder auf, stecke den Zündknopf drauf, ziehe die Kupplung und schalte runter in den Leerlauf..halt! Ich ziehe den rechten Handschuh aus und fahre mit dem Finger kurz durch den Trichter..keine Steine, etwas staubig.

Sch..drauf.

Anlasserknopf gedrückt und der Motor springt an!

Ich lasse den Streckenposten kommentarlos stehen, fahre 5 Meter durch die Wiese und in die Boxeneinfahrt. Ich registriere die merkwürdige Lenkerstellung, die sehr weiche Bremse vorne, aber die 400 Meter bis in die Box schaffe ich aus eigener Kraft!

Dort angekommen schmeisse ich Manfred den Transponder zu, der steckt ihn an die Tigerente und Schorsch ballert raus..

Ende Teil 2..ich brauch jetzt erstmal ne Pause. Das hier so runterzuschreiben ist wie das nochmal mitzumachen.

AW: Classic Endurance 2012 in Oschersleben & Wiener Schnitzel..


Was nu?

Während also Schorsch aktiv versucht, Resultats-Schadensbegrenzung auf der Strecke zu betreiben, muss ich mich erstmal ein wenig sammeln. Ich halte mich nicht allzu lange mit dem Gedanken auf, vielleicht doch irgendwie mein Motorrad zu richten um damit eventuell das Rennen zu Ende zu fahren, und wende mich dem Monitor zu. 28igste und letzte, 3 Runden Rückstand auf den Rest des Feldes. Das habe ich ja mal prima hinbekommen.

Die spätere Auswertung zeigt dass ich in den ersten 9 Runden bis zur Panade uns von Platz 18 auf Platz 12 vorgefahren hatte..und Manfred berichtet mir von 1.48er und 1.49er Zeiten. Mehrere am Stück. Eigentlich alle, bis auf die Startrunde und die 2.

Soviel also zu den tief verbuddelten „unter-eins-fuffzich“-Ambitionen. Offensichtlich nicht tief genug, und einem der Gründe für den Sturz..obwohl ich nicht den Eindruck hatte dass ich gross Risiken eingegangen bin, oder arg gepusht hätte. Aber da war wohl das Limit wohl schon sehr nahe, und da ist dann der kleinste Fehler fatal.

Ok. Abhaken. Schorsch soll 35 Minuten fahren, dann soll ich raus, auch 35 Minuten. Also restliche Schäden am Equipment begutachten. Helm – keinen Kratzer. Komisch, war ich doch felsenfest davon überzeugt dass ich mich mehrmals überschlagen hätte. Stiefel – alles dran, ebenso die (niegelnagelneuen) Handschuhe. Die Kombi hat’s böser erwischte, am Hosenboden hängen Fransen herunter, der Oberteil ist auch nicht mehr neuwertig. Aber das langt und Paul ist so freundlich und taped mir den Arsch  . Ansonsten tut die rechte Schulter einigermassen weh, und die Kehrseite fühlt sich an als ob mir jemand einen gewaltigen Arschtritt verpasst hat. Aber wenigstens war ich ein mal im Leben mit dem Knie am Boden!

Also, Visier saubermachen und Sprit bereitstellen. Denn ab jetzt sind wir offiziell ein one-bike Team und müssen das Rennen auf der Tigerente abwechselnd zu Ende fahren, und selbstverständlich regelmässig nachtanken.

Planmässig wird Schorsch nach 35 Minuten mit dem Lollipop reingeholt, er rauscht in die Boxengasse, stellt den Motor hab und wir schütten in aller Eile 15 Liter Sprit nach..für ne genaue Spritmengenbestimmung haben wir jetzt keine Zeit. Schorsch, der Teufelskerl, hat es in diesem 21-Runden turn geschafft uns vom letzten Platz auf den 17. vorzufahren – sensationell!

Weitermachen!

Jetzt also gilts..ich hab einen Job zu erledigen, ich muss ein Rennen fahren, keine Ausreden! Ich kann gehen, stehen, mich einigermassen klar ausdrücken, also weiterfahren. Um 11:20 lasse ich den Motor an, schieb den ersten Gang rein und bin raus. Die ersten 2 Runden gewöhne ich mich an die Tigerente, die ich zum letzten Mal vor 3 Jahren oder so gefahren bin. Ein Paar Feststellungen:
Die vordere Bremse geht deutlich schlechter als meine. Vielleicht nicht so verkehrt, ich scheine ja eine Tendenz aufzuweisen, vorne zu überbremsen
Dafür geht die hintere Bremse. Meine qualifiziert sich maximal als moralische Unterstützung
Der Gasgriff – viel schwerer und längerer Weg
Der Motor hat ein ganzes Eck weniger Drehmoment als meine, in der Spitze sind beide ungefähr gleich
Das Fahrwerk rattert noch mehr als meine
Am schlimmsten aber ist der Krach. Die Karre BRÜLLT beim Gasgeben das einem Angst und Bange wird, und beim Gaswegnehmen knallt und spotz und schiesst sind hinten raus dass man denkt man sitzt auf dem Deck der Bismarck während der Schlacht im Atlantik  . Wie soll ich das 35 Minuten aushalten??? Ich bin bisher mit dem Crash glimpflich davongekommen, aber hier und jetzt erleide ich einen Hörsturz. Unter Garantie!
Aber ich gewöhne mich an das Gesamtpaket und fange an zu fahren. Mit gebremsten Schaum (ach was), aber ich dusche auch nicht rum. Laut der Zeitangabe nach der ersten Runde muss ich bis ca 11:55 fahren, also wieder volle Konzentration..was gut ist denn jetzt spüre ich auch die Schulter nicht mehr.

Nach und nach überhole ich mehrere Motorräder (zu dem Zeitpunkt kann ich nicht wirklich von Konkurrenten reden, dafür haben wir immer noch zu viel Rückstand).

Irgendwann sehe ich niemanden vor mir und so habe ich freie Bahn..wie gesagt, mein Lieblingszustand für gute Runden! Na ja, jetzt kann ich’s ja zugeben..in einer Runde ist mit beim Anbremsen der Schikane kurz das Vorderrad entwischt. Ahem. Nur ein Mini-Minischlenker aber der reicht um mich zurechtzurücken. Ich gelobe mich zusammenzureissen und nicht noch eine BMW auf dem Kerbholz zu haben. Nicht am gleichen Wochenende, und vor allem NICHT IM GLEICHEN RENNEN!

Irgendwann komme ich an der Uhr an der Brücke vorbei..11:49. OK, noch eine Runde, dann kommt der Lollipop. Ich bin auch schon einigermassen geschafft (und TAUB), passt also. Nächste Runde (11:51) – nix. Ok, dann noch eine. 11:53 – nüscht. 11:55 – nix.

Hallo  ?

11:57.

Ratet mal.

Nix. Zip. Nada. Kein Lollipop.

11:59?

Genau.

Und dann fängt man an zu überlegen. Weit und breit ist kein Motorrad auf der Strecke zu sehen..war hier irgendwo ein Rennabbruch und ich bin der einzige Depp der´s nicht mitbekommen hat?? Wär ja nicht ausgeschlossen, so dämlich wie ich mich bisher angestellt habe.

12:01?

Haha.

12:03

SIND DIE ETWA KAFFEETRINKEN GEGANGEN??

Jedenfalls kommt um 12:09 ENDLICH der verfluchte Lollipop. Ich habe schon fast Halluzinationen, die Schulter schmerzt jetzt schon ziemlich und ich habe einen dumpfen Pfeif-Dröhnmix im Schädel. Also raus in die Box, Motor aus, Tankdeckel auf und rein damit. Und Schorsch geht wieder auf die Reise.

Währenddessen nehme ich den Helm ab und starre Manfred fassungslos an und frage ihn was denn da los war – ich sollte 35 und NICHT 50(!!) Minuten fahren (mit 26 Runden mein längster turn - ever. Und das gleich nach dem stunt..miese Maden!). Dann sprach Manfred gelassen die erste (!) Version der Begründung aus..ich wäre ja so gut unterwegs gewesen, gute Zeiten gefahren und hätte freie Bahn gehabt, und genug Sprit, da hätten sie sich entschieden mich länger draussen zu lassen, bis meine Rundenzeiten langsam runter gingen.

Aha. So ist das also. Na dann. Später hörte ich dann ein leicht abgewandelte Version..

Aber – always look on the bright side of life! Fahren geht noch, keine Blockade im Kopf. Ich bin Stapelweise 1.52er Zeiten gefahren, eine 51er war auch dabei. Und ich hab uns von Platz 20 (3 Plätze beim ersten Stop von Schorsch verloren) auf 13 Gesamt vorgefahren, unerwartet und sehr ermutigend..yeppa!

Schorsch derweil bruzzelt mit Zeiten zwischen 1.53 und 1.55 um den Kurs (gesteht mir später dass er sich vor der Shell S verbremst hatte und mal kurz geradeaus fahren musste) und holt zum Schluss seines turns den 13. Platz wieder..natürlich wird weiter oben im Klassement die Luft immer dünner und spektakuläre Sprünge nach vorn sind nicht mehr zu erwarten.

Die weitern Wechsel klappen dann wie geplant, auch die angesagten Fahrzeiten werden brav von Manfred mit dem Lollipop beendet  ..kurz vor meinem 3. Turn schaue ich kurz auf Platz 12 vorbei, der dann aber gleich beim nächsten Wechsel wieder kassiert wird. Die Rundenzeiten pendeln sich bei 52er und 53er Zeiten ein, also konstant und ausreichend schnell.

Und dann kommt Schorsch‘s 3.turn, in dem es tatsächlich schafft, in Runde 98 uns auf 10 Gesamt zu wuchten..unglaublich! Nach dem vorletzten Wechsel mit routinemässig ausgeführtem Tankstop (und genügend Sprit um das Rennen ohne Nachtanken zu beenden) trete ich meinem letzten turn an, der reibungslos verläuft, wir beide immer mit sehr konstanten Zeiten. Ich übergebe an Schorsch für den Schlussturn, können Platz 10 halten!

Finale und sonstige Dramen:

Und während Schorsch sein Schlussfeuerwerk abbrennt spielt sich bei uns in der Box ein Drama der besonderen Art ab. Die Schweizer. Die 2 ganz schnellen Burschen mit der TR1 und der Rickmann Honda. Die praktisch seit der ersten halben Stunde konstant auf dem 2. Gesamtrang fahren, bekommen Probleme..aber so richtig.

Teil 1: 20 Minuten vor Schluss geht die Batterie von der TR 1 von Guido mitten im turn fratze. Wo genau weiss ich nicht aber Guido schiebt die TR1 zurück in die Box. Jede Menge Zeit und Plätze verloren.

Teil 2: Aus mir unbekannten Gründen entscheiden sich wohl Guido und Rolf dass Guido mit der Rickmann sofort wieder rausfährt..vermutlich weil Guido nochmal um ein Hauseck schneller als Rolf ist, und weil der batteriewechsel bei der TR1 eine grössere Aktion ist. Nur war das keine sonderlich gute Idee weil Guido sich noch vor Ende der ersten Runde eingangs Start-Ziel..jawoll.

Paniert.

Stopft die Rickmann stumpf ins Kiesbett.

Und schiebt wieder in die Box. Noch mehr Zeit, noch mehr Plätze verloren..es ist zwar nichts wirklich kaputtgegangen aber die Bremse vorne muss entlüftet werden, was offensichtlich immer noch schneller geht als die Batterie an der TR1 zu wechseln..unfassbar!

Aber, des einen Leid, des anderen „Freud“..so erben wir kampflos auch den 9. Platz, und mit einem lachenden und einem weinenden Auge schaue ich mir Schorsch auf seinen letzten Runden abwechselnd an der Strecke und am Monitor an.

Und stelle fest dass Schorsch in der drittletzten Runde „nur“ 4 Sekunden hinter Platz 8, und einem direkten Konkurrenten in der Big ClassiX-Klasse liegt..4 Sekunden. Das wird saueng. 4..

Vorletzte Runde..auf Start-Ziel kommt Schorsch VOR der daytonaorangenen BMW der Konkurrenz vorbei – mit Abstand! Über 4 Sekunden in einer Runde..ich glaubs nicht! Und Schorsch macht weiter Dampf, fährt unbeirrt 51er und 52er Zeiten, auch in der Schlussrunde, während der Konkurrent sich nur noch mit 2.01er Runden über die Zeit zu retten versucht..wir sind 8te!
Dann ist Schluss, die Zielflagge fällt und ich bin baff, fertig, geschafft, am Ende.

Resultate & Überraschungen:

Nach dem allgemeinen Jubel (ausser bei meinen Schweizer Freunden..Guido war wirklich am Boden zerstört und hat mir unendlich leid getan) fängt Manfred an, ein bisschen nachzurechnen. Und so langsam kristallisiert sich der Erkenntnis heraus dass wir in unserer Klasse ziemlich weit vorn gelandet sein müssen. Wir schnappen uns die Starterliste und gehen die Klasseneinteilung durch und gleichen sie mit dem Endergebnis am Monitor ab. 7 Teams vor uns..nö, das Team ist nicht in unserer Klasse. Nö, die auch nicht. Und die? Auch nicht..und die nicht usw. Am Ende schauen wir uns ungläubig an..kann das sein? Sind wir..Erste???
Wir sind sprachlos.

Aber es scheint nur so..kurz darauf stellt sich heraus dass EIN Team wegen minimaler Abweichungen am Motorrad von der Big ClassiX Open in unsere Big ClassiX zurückgestuft wurde..und ausgerechnet DIE sind vor uns. Mit 2 Runden Vorsprung..

Und wieviel Runden haben wir durch meinen Sturz verloren? Hmm? Genau.

3

Aaaaaarrrghh.

Das wäre der 4. Gesamtrang gewesen und der Sieg in der Klasse.aber hätte hätte Fahrradkette..so ist Langstrecke, auch andere Teams haben sich den brutalen Gesetzen der Endurance beugen müssen. Auf jeden Fall war das unter den Umständen weit mehr als wir jemals erwarten konnten. nach 20 Minuten hoffnungslos abgeschlagen letzte mit 3 Runden Rückstand, und dann das Zweiter Platz. PODIUM! CHAMPAGNERDUSCHE!

Irre.

Und dann wird mir am Abend gebeichtet. Von meinen beiden Experten, die sich während meines ersten Turns nach dem Sturz in der Box aufhielten und mir die ach so clevere 50-Minuten Strategie erklärt hatten.
Schorsch hatte ja schon im Qualifying bewiesen dass Uhrablesen eine Herausforderung sein kann. Offensichtlich ist es eine ebenso große Herausforderung gewesen, zu fahrende Minuten von zu fahrenden RUNDEN zu unterscheiden!

Wot???

Die wollten mich doch in der Tat 35 RUNDEN draussenlassen, also grob gerechnet 70 (!!!) Minuten! Aber dann ist das denen wohl doch ein bisschen komisch vorgekommen und dann endlich ist auch der letzte Groschen gefallen, dass ein kleines Detail irgendwie nicht so ganz stimmen konnte..

Ohne Worte.

Unter uns – ich lache immer noch. Ich hatte irgendwo kürzlich hier geschrieben dass so ein Event immer ereignisreich ist, egal wie & warum. Und wie recht ich behalten habe..teilweise ein bisschen mehr als ich mir eigentlich wünschen würde, aber ganz ehrlich, das war’s wert!

Schorsch, danke dass du mir blind die Tigerente anvertraut hast, und Manfred, danke für deine Hilfe, deine Ruhe und deine (meist vorhandene) Übersicht!

Over & Out,

Daniel

Prinzenpark Oschersleben 2007